Faszination aus Gotik, Renaissance, Barock & Moderne
AUSSERGEWÖHNLICHES PALIMPSESTARTIGES KUNSTOBJEKT
NOTARIELLES TESTAMENT MIT MEMENTO MORI MALEREI - BURGUND - 1578 & um 1700

OBJEKT
Faszinierendes „Palimpsest“-artiges Kunstobjekt in Form eines barocken Vanitas- / Memento-mori-Stilllebens „Hirschhornkäfer mit Sanduhr“ auf historischem Dokument.
ENTSTEHUNG HANDSCHRIFT
Freigrafschaft im Herzogtum Burgund (Franche-Comté), Ostfrankreich,
15. November 1578 („le quinziesme jour du moys de novembre L’an mil cinq cens soixante et dix et huict“)
ENTSTEHUNG MALEREI
um 1700
Vorliegend ein faszinierendes und in dieser Form äußerst seltenes „Palimpsest“-artiges Kunstobjekt:
Barockes Vanitas- / Memento-mori-Stillleben auf historischem Dokument.
Hier treffen administrative Rechtsgeschichte und barocke Symbolik auf faszinierende Weise aufeinander. Das Dokument besteht aus zwei unterschiedlichen Bedeutungsebenen, die zeitlich versetzt entstanden sind:
Auf einer Notariell beglaubigten Testamentsabschrift befindet sich eine Gouache eines Hirschhornkäfers mit einer Sanduhr.
Das Schriftstück ist auf Büttenpapier in einer engen französischen Kanzleikursive des ausgehenden 16. Jahrhunderts verfasst und ist vom ausstellenden Notar „Monany“ (oder Monamy) signiert, inklusive der persönlichen Kanzleiparaphe und der Kontrollziffer 29, verfasst. Die Urkunde beginnt mit den Worten: „... par la grace de Dieu Duc de Bourgogne ...“ (Von Gottes Gnaden Herzog von Burgund) und listet u.a. die Erben und deren Wohnorte auf. Der im Text wiederkehrende Begriff „paroisse“ (Pfarrei/Gemeinde) diente dazu, die geografische Herkunft und Identität der Begünstigten zweifelsfrei abzusichern. Über dem Käferkörper und neben der Sanduhr werden die Namen der Erben aufgezählt, u.a. die Vornamen Philibert, Guillaume und Leonard.
Die feine Gouache-Malerei gilt als künstlerische Veredelung. Sie ist keine spätere, zufällige Ergänzung, sondern wurde (wohl von den Nachfahren) ganz bewusst direkt über das Testament gemalt, um eine untrennbare inhaltliche Einheit zu bilden. Da das Dokument vom Tod und dem Erbe einer Person handelt, bettet die Malerei den Text in die christliche Vanitas-Ikonographie ein. Die Sanduhr stellt das zentrale Symbol für das unaufhaltsame Verstreichen der Zeit dar. Der Sand ist durchgelaufen – das irdische Leben des Erblassers von 1578 ist beendet. Der Hirschhorn- oder auch Nashornkäfer gilt als tiefgründiges Doppelsymbol. Als Insekt, das sich am Boden und von verrottendem Holz ernährt, steht er für den körperlichen Verfall und das Begräbnis in der Erde. Gleichzeitig symbolisiert der Käfer, der sich aus einer scheinbar toten Puppe erhebt, in der barocken Emblematik die Auferstehung der Seele und den Sieg über den Tod.
Das geschwungene Epitaff-Band (Phylakterium) verbindet die Sanduhr (Tod) mit dem Käfer (Auferstehung). Dieses blieb hier unbeschriftet, was im Barock oft die Sprachlosigkeit des Menschen angesichts des Todes symbolisierte.
Zur Datierung: Die Gegenlichtaufnahme macht die entscheidenden Zeilen am Anfang des Textes (die obere Zeile, die im Normallicht unter dem Käferkopf liegt) lesbar: „... le quinziesme jour du moys de novembre L’an mil cinq cens soixante et dix et huict ...“. Das Dokument wurde hiernach am 15. November 1578 ausgestellt.
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MEMENTO MORI – DIE VERGÄNGLICHKEIT
„LEHRE UNS BEDENKEN, DASS WIR STERBEN MÜSSEN, AUF DAS WIR KLUG WERDEN.“ Psalm 90, Vers 12
In unserer heutigen Gesellschaft ist der Tod ein Außenseiter, eine ungeliebte Randfigur.
Wir leben in der Scheinvorstellung, wir könnten die Natur überlisten und nach ewigem Leben streben.
Da im „finsteren Mittelalter“ (9. Jhdt.) das kirchliche Leben fast zum Erliegen gekommen war, kam es innerhalb der Kirche zu dem Bestreben einer Askese und Reinigung von allem Weltlichen und Verderblichen. Dies ging insbesondere mit der Gründung vieler Klöster einher und stand in Zusammenhang mit einer gewissen Mystik, die auch heute noch in den Klostermauern zu spüren ist.
Im 14. und 15. Jhd. führte das gehäufte Auftreten der Pest erneut zu einer Verstärkung des Memento-Mori-Gedankens.
So fanden Totentänze, Tödlein, Wendeköpfe und Schädel Eingang in die Gebete und Mediationen über Leben und Tod.
Die Auseinandersetzungen mit dem Tod und das Bewusstsein über die Vergänglichkeit des Irdischen sollten zu einem gottesfürchtigen Leben animieren.
Blatt: 34 x 27 cm. Trägerpapier: 44,5 x 34,5 cm.
ZUSTAND
Guter Erhaltungszustand mit Altersspuren. Gleichmäßig gebräunt und in den Rändern mit Läsuren und Fehlstellen. Geglättete Mittelfalte. Aufgebracht auf grobes Trägerpapier. Dieses etwas wellig.
Süddeutsche Privatsammlung.
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