In den 50er Jahren erhielten nur die hervorragendsten Künstler der
damaligen Sowjetunion die Erlaubnis, ihr Land für Konzerte im Ausland zu
verlassen. Die Plattenfirmen brauchten alle Geduld und alles
Verhandlungsgeschick der Welt, um eine Bewilligung für Aufnahmen mit
russischen Künstlern im Westen zu erhalten. Einer dieser auserlesenen
Musiker war der Violinist Leonid Kogan, der am Morgen seiner Karriere
noch im Schatten seines älteren Kollegen David Oistrakh lebte. Erst im
Lauf der Zeit erspürten Kenner der Violinkunst Kogans wahre Grösse.
Während Oistrakhs Spiel in der romantischen Schule wurzelt,
repräsentierte Kogan einen moderneren, reineren, klassischeren Stil. Das
Brahms Concerto war eines von Kogans geliebtesten, und obwohl sein
Spiel betont offenherzig war, spielte er dieses Werk äusserst werkgetreu
und in einer Art, die beweist, dass seine Art die „richtige“ war. Diese
spezifisch Koganschen Qualitäten werden auf dieser Aufnahme aus dem
Jahr 1959 deutlich hörbar. Jedes Tempo, jeder Taktwechsel scheint so zu
klingen, wie er sollte. Kogans Landsmann Kyril Kondrashin leitet das
Orchester, und er stellt - wie sein Solist - seine ausgesprochene
Fähigkeit unter Beweis, die romantische Wärme und die klassische
architektonische Strenge - das Markenzeichen von Brahms’
Kompositionskunst - miteinander zu verschmelzen. Eine aussergewöhnliche
Aufnahme, die höchste Ansprüche an die Klangqualität wie an das
Musikerlebnis zu befriedigen vermag.