Full German Language.
Die Tatsache geschlechtlicher Bedürfnisse bei Mensch und Tier drückt man
in der Biologie durch die Annahme eines Geschlechtstriebes aus. Man
folgt dabei der Analogie mit dem Trieb nach Nahrungsaufnahme, dem
Hunger. Eine dem Worte Hunger entsprechende Bezeichnung fehlt der
Volkssprache; die Wissenschaft gebraucht als solche Libido. Die populäre
Meinung macht sich ganz bestimmte Vorstellungen von der Natur und den
Eigenschaften dieses Geschlechtstriebes. Er soll der Kindheit fehlen,
sich um die Zeit und im Zusammenhang mit dem Reifungsvorgang der
Pubertät einstellen, sich in den Erscheinungen unwiderstehlicher
Anziehung äußern, die das eine Geschlecht auf das andere ausübt, und
sein Ziel soll die geschlechtliche Vereinigung sein oder wenigstens
solche Handlungen, welche auf dem Wege zu dieser liegen. Wir haben aber
allen Grund, in diesen Angaben ein sehr ungetreues Abbild der
Wirklichkeit zu erblicken; faßt man sie schärfer ins Auge, so erweisen
sie sich überreich an Irrtümern, Ungenauigkeiten und Voreiligkeiten.
Führen wir zwei Termini ein: heißen wir die Person, von welcher die
geschlechtliche Anziehung ausgeht, das Sexualobjekt, die Handlung, nach
welcher der Trieb drängt, das Sexualziel, so weist uns die
wissenschaftlich gesichtete Erfahrung zahlreiche Abweichungen in bezug
auf beide, Sexualobjekt und Sexualziel, nach, deren Verhältnis zur
angenommenen Norm eingehende Untersuchung fordert.
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