+++English description below.+++

Angeboten wird eine von Tony Binder und Lucian Reiser handbemalte Riqq

TITEL: ‚handbemalte Riqq’ [Außenseite: nächtliche Nil-Szene mit Schiffen, Innenseite: Ägypten-Motiv mit Sphinx, zwei Beduinen und Kamelen]

TECHNIK: mit Ölfarben handbemalte Riqq
Riqq mit Tierhaut (wohl Fischhaut) überzogen, Körper der Riqq aus Holz, im Ganzen acht Schellen, an den Seiten mehrere Dekorationen in Perlmutt

JAHR: Außenseite unten rechts datiert „1895“, Innenseite undatiert
Riqq wohl aus dem späten 19. Jahrhundert

GRÖßE: 23 cm (Durchmesser), 7 cm (Höhe)

SIGNATUR: Außenseite unten rechts signiert „Binder“, Innenseite unten rechts signiert „L. Reiser“ 

ZUSTAND:
Außenseite: Malerei im Ganzen etwas beschmutzt und nachgedunkelt; in der Bildmitte  (v. a. bei den Schiffen und etwas im Himmel) Retuschen aufgrund Farbverlusten (diese Farbverluste stammen wohl von früherem Gebrauch der Riqq)

Innenseite: Malerei leicht berieben und etwas fleckig; vereinzelt kleine Verluste der Farbschicht (im Gesicht der Sphinxe)

Riqq an den Rändern und Kanten etwas berieben; Schellen etwas rostig

PROVENIENZ: Ludwig Ferdinand Hermann RAMGE (26.10.1873 Gießen – [nach 1945]), Diplomat, Sekretär am Konsulat in Alexandrien, sowie darauf in Sansibar und Istanbul.
Sohn des Eisenbahnbeamten Georg Ramge (1833 - ?) und dessen Frau Christine, geb. Duchardt. 11.09.1900 Heirat in Alexandrien mit der Britin Mary Calleja (29.09.1874 Alexandrien – 16.07.1942 Nidda). In den 1930er war Ramge in Kattowitz als Gerichtsbeamter und Hofrat tätig und lebte später in Nidda.
Ludwig Ramge war ein Freund Tony Binders. Die Riqq war möglicherweise ein Geschenk an Ramge.

 

 

---„RIQQ (arabisch), Bz. für eine in Ägypten, Syrien und Marokko seit dem 19. Jh. verbreitete kleine Rahmentrommel (20-22 cm Durchmesser) mit Becken- oder Schellenpaaren, die sowohl in der Kunst- als auch in der Volksmusik verwendet wird.“ [1]

So der Eintrag in „Metzlers Sachlexikon Musik“. Bei Johnny Farraj / Sami Abu Shumays lautet die Beschreibung:

The word riqq itself means thin skin or parchment and was given to the instrument because of its thin skin, which when stretched very tightly becomes translucent. The riqq is valued for the variety of sounds it can produce and appreciated for the subtle yet virtuosic manner in which it is played.“ [2]

Die Riqq wird traditionell mit Tierhaut bespannt und in den meisten Fällen wurde bzw. wird dafür dünne Fischhaut benutzt, da dies für einen besonders Klang sorgt. Diese hier vorliegende Riqq ist ein eben solches traditionelles Musikinstrument und bei der Bespannung wird es sich um Fischhaut handeln.

Als 1882 Großbritannien in das stark verschuldete und innerlich zerrissene Ägypten einmarschierte und das Land besetzte, geschah dies u. a. deswegen um die strategische Bedeutung des Suezkanals für Großbritannien zu sichern. Nach diesem bedeutsamen und historischen Wandel, wurde der Tourismus nach Ägypten populär und die damalige Orientbegeisterung und -faszination konnte sich so ganz praktisch Bahn brechen. Viele Touristen wollten nun von ihrer Reise gewisse Andenken mitbringen, welche Zuhause als Belege eines „alten Ägyptens“ dienen sollten. In diesem Zusammenhang war es en vogue sich vor einem bekannten Bauwerk oder in einer typisch arabischen Szenerie fotografieren zu lassen. Und es war genau diese Art von Fotografien auf welche sich das Fotostudio von Tony Binder und Lucian Reiser spezialisierte und in der Folge auch zur Anlaufstelle von wohlhabenden Besuchern des Landes wurde. Die freundschaftliche und geschäftliche Verbindung zwischen Binder und Reiser wurde durch die Heirat von Binder mit Marie Reiser, Lucians Schwester, noch enger.

Dass sich auch im deutschsprachigen Raum diese seit etwa Mitte des 19. Jahrhunderts bestehende Orientbegeisterung verstärkend niederschlug zeigt sich nicht nur an hohen Tourismuszahlen, sondern auch an mehreren Orientreisen von Staatsoberhäuptern und Monarchen [3], an einem Boom an diesbezüglicher (Reise-)Literatur [4] und auch an den Gründungen von mehr oder weniger seriösen bzw. wissenschaftlichen Vereinen mit Orientbezug, wobei die 1898 in Berlin gegründete „Deutsche Orient-Gesellschaft“ sicherlich an erster Stelle zu nennen ist [5]. 

Neben der Fotografie begann sich Tony Binder etwa ab 1890 als Künstler autodidaktisch weiterzubilden, es entstanden orientalische Landschaften, Stadtszenen und Bildnisse und bald wurde er ebenso für seine Malerei geehrt und geschätzt. 1900 war er so populär, dass er den us-amerikanischen Zeitungsverleger und Politiker William Randolph Hearst (1863-1951) während seiner sechswöchigen Nilreise begleitete. Und 1912 wurde er zu einer Art „Hofmaler“ und „Hoffotograf“ unter Abba II. Hilmi (1874-1944), der letzte Khedive Ägyptens.
Auch heutzutage wird Tony Binder insbesondere für seine Orientmalereien bekannt und geschätzt.

Vor diesem Hintergrund ist diese hier gezeigte Riqq aus vier Betrachtungen heraus ein außergewöhnliches wie auch bedeutsames Kunstwerk und kulturgeschichtliches Objekt.

1) Es handelt sich hierbei um ein authentisches Objekt aus dem Ägypten des 19. Jahrhundert. Da nun auch Tony Binder und Lucian Reiser keinesfalls Touristen waren, sondern dort lebten und sich demnach auskannten, wird es ihnen möglich gewesen sein ein qualitatives, traditionelles Objekt von einem Objekt zu unterscheiden, welches womöglich rein für Touristen als Mitbringsel angefertigt wurde.
Dass dieses Objekt dann auch noch auf beiden Seiten der Bespannung mit ägyptischen bzw. orientalischen Motiven bemalt wurde, unterstreicht diese kulturhistorische Einordnung nochmals.

2) Daneben ist die Datierung auf das Jahr 1895 von Bedeutung. Für das Schaffen Tony Binders stellt dies ein recht frühes Jahr dar. Die Hauptphase seines Schaffens als Künstler in Ägypten begann erst ein paar Jahre später und die wichtigste Periode für seine Orientmalereien liegt gar erst in den Jahren 1923 bis 1934.

3) Die Besonderheit dieses Unikums wird dadurch noch gesteigert, dass es sich hierbei um eine Gemeinschaftsarbeit zwischen Tony Binder und Lucian Reiser handelt.

4) Neben der Künstlerschaft, dem Objekt und den Motiven ist auch die Herkunft beachtenswert und fügt sich in diesen Kontext ein. So war dieses Werk vormals im Besitz von Ludwig Ramge (1873-?), seines Zeichens Sekretär im Konsulat von Alexandrien. Ramge und seine Frau waren mit Tony und Marie Binder befreundet, so dass man hier womöglich von einem Freundschaftsgeschenk ausgehen kann.---

 

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[1] Noltensmeier, Ralf (Bearb.) (1998): Metzler Sachlexikon Musik, Stuttgart et al.: Metzler, S. 896-897.
[2] Johnny Farraj / Sami Abu Shumays (2019): Inside arabic music. Arabic maqam performance and theory in the 20th century Middle East, New York, NY: Oxford University Press, S. 53.
[3] Man denke hierbei an die Reisen von Kaiser Franz Joseph (1869), von Kronprinz Rudolf (1881) sowie von Kaiser Wilhelm II. (1898).
[4] „Die enorme Beliebtheit von Reiseliteratur ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts spiegelt wiederum die fortschreitende touristische Erschließung des Orients wider. Die Rezeption der zahlreichen Reiseberichte spielt für die Vermittlung von mental maps und die Zirkulation von Orientbildern ebenso eine Rolle wie für die Fortdauer der Orientbegeisterung“ (Caroline Herfert (2018): Orient im Rampenlicht. Die Inszenierung des Anderen in Wien um 1900, Berlin: Neofelis Verlag, S. 87). Fernab von tatsächlichen Reiseschilderungen ist hier sicherlich noch zu denken an Romane und Erzählungen wie den Orientzyklus von Karl May, der zwischen 1881 und 1888 im „Deutschen Hausschatz in Wort und Bild“ abgedruckt wurde.
[5] Daneben wäre als bekannte Vereinigungen im esoterischen Bereich die 1893 ebenso in Berlin gegründete „Deutsche Theosophische Gesellschaft“ zu nennen, welche ohne diese starke Begeisterung für den Orient, dessen Kultur und Lehren nicht denkbar wäre.

 

 

Zu Tony Binder (25.10.1868 Wien – 18.01.1944 Nördlingen):
Maler, Zeichner, Fotograf.
Um 1885 Schulabschluss und Arbeit in verschiedenen Ingenieurfirmen.
1886 entstanden die ersten Studien orientalistischer Städte und Landschaften.
1890 Reise nach Kairo, um dort seinen Bruder zu besuchen. Damals wird er den Fotografen Andreas Daniel Reiser (1840-1898) getroffen haben, der ihm eine Arbeit in seinem Fotoatelier gab.
Seit 1890 bildet er sich als Autodidakt in malerischen Techniken weiter.
1899 übernahmen Binder und Lucian Reiser, A. D. Reisers Sohn, das Fotoatelier.
1899 Heirat mit Marie Reiser, Lucians Schwester.
1900 begleitete er den us-amerikanischen Zeitungsverleger und Politiker William Randolph Hearst auf dessen sechs Wochen langer Nilreise.
Ab 1901 arbeitete er sowohl als Fotograf in Ägypten und machte daneben mehrere Reisen nach Griechenland, Italien, Österreich, Deutschland.
1905-10 arbeitete er als Fotograf und Illustrator bei archäologischen Ausgrabungen im Süden Alexandriens.
1912 wird er von der Stadt Alexandrien für seine Aquarellmalerei geehrt.
Ab 1912 nimmt er die Stellung eines „Hofmalers“ und Fotografen bei dem Vizekönig und letzten Khediven Abbas II. ein.
Sommer 1914 Reise nach England.
Mit dem Ausbruch des Ersten Weltkriegs wird er als „feindlicher Ausländer“ interniert.
Nach dem Weltkrieg lebte er in München.
1922 Umzug nach Dachau.
1923-24 Reise nach Luxor.
Er arbeitete u. a. als Illustrator für die „Fliegenden Blätter“.
1925 mehrere Reisen durch Deutschland und Österreich.
1933 traf er in Luxor den italienischen Kronprinzen Umberto II.
1937 wurde er krank und konnte längere Zeit nicht künstlerisch arbeiten.

Mitgliedschaften: 1924 „Allotria“ (München); „Münchner Künstlergenossenschaft“; „Dachauer Künstlervereinigung“

Illustrationen: 1920 „Die lustigen 7“ (Texte: Hugo Lindemann)

LITERATUR: Lange, Bärbel (1994): Tony Binder (1868-1944). Orientmaler – Pleinairist – Reisekünstler [Dachauer Museumsschriften 15], Dachau: Verlagsanstalt Bayerland --- Ebnet, Werner (2016): Sie haben in München gelebt, München: Allitera, S. 97 --- Herfert, Caroline (2018): Orient im Rampenlicht. Die Inszenierung des Anderen in Wien um 1900, Berlin: Neofelis, S. 98 --- Tavernier, Ludwig: Tony Binder, in: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion

 

Zu Lucian Reiser (02.11.1876 Bukarest – 31.03.1964 Garmisch-Partenkirchen):
Fotograf.
Sohn des Fotografen Andreas Daniel Reiser (30.11.1840 München – 19.03.1898 Helouan).
28.08.1902 Heirat mit Catharina Philomena Johanna Clotilde („Tina“), geb. Gennaro (1883-1966) in Alexandria. Das Paar hatte sieben Kinder.
Nach 1900 (wohl ab etwa 1907) hatte er ein Fotostudio in München.

 

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TITLE: ‚exceptional hand-painted riqq (tambourine)’ [upper side: nocturnal Nile-scene with ships (Egypt), inner side: Egyptian scene with Sphinx, two Bedouins with camels]

TECHNIQUE: hand-painted (oil paints) riqq (Egyptian tambourine), with animal skin (probably fish), body of the riqq in wood, in total with eight jangles, on the sides with several inlaid decorations of mother-of-pearl

DATE: painting upper side dated lower right „1895“
riq probably late 19th century

SIZE: 23 cm (diameter), 7 cm (height)

SIGNATURE: upper side signed lower right „Binder“, inner side signed lower right „L. Reiser“ 

CONDITION: painting of the upper side in total a bit stained and darkened; in the middle of the painting (especially amongst the ships and a bit in the sky) retouchings due to losses of color (these losses of color were probably caused by the using of the riqq)
painting of the inner side a bit rubbed and a little bit stained; a few smaller losses of color (in the face of the Sphinx)
riqq in total on the margins a bit rubbed; jangles a bit rusty  

PROVENANCE: Ludwig Ramge (26.10.1873 Gießen – [after 1945]), diplomat, secretary at the consulate in Alexandria (Egypt). [Ludwig Ramge was a close friend of Tony Binder. This riqq was probably a gift to Ramge.]


Biography
Tony Binder (25.10.1868 Vienna – 18.01.1944 Nördlingen):
Painter, draftsman, photographer.
Around 1885 he finished school and worked in several engineering firms.
1886 he made his first studies and sketches of Oriental cities and landscapes.
1890 trip to Cairo to visit his older brother. There he met  the photograph Andreas Daniel Reise (1840-1898) and got a job at his photo studio.
Since 1890 he studied several painting techniques as an autodidact.
In 1899 Binder and Lucian Reiser (see below), A. D. Reiser´s son, took over the photo studio.
In 1899 he married Marie Reiser, Lucian´s sister.
In 1900 he accompanied the American publisher William Randolph Hearst during his six-week long Nile-trip (from Cairo to Wadi Halfa).
Since 1901 he worked as photographer in Egypt and besides he made several trips to Greece, Italy, Austria and Germany.
1905-10 he worked as photographer and illustrator during the archaeological excavations inthe south of Alexandria.
1912 the city of Alexandria awarded Binder for his watercolors.
Since 1912 he worked as „court painter“ and photographer for the Egyptian viceroy Abba II. Hilmi.
In summer of 1914 he travelled to England.
Due to the outbreak of the First World War, he was internated as „enemy alien“ in London and on the Isle of Man.
During 1916-17 works by Binder had been on display at exhibitions of the art association in Munich. In the following years several exhibitions in Munich.
After World War I Binder lived in Munich.
In 1922 he moved from Munich to Dachau.
1923-24 study trip to Luxor, Egypt.
He worked as illustrator for the magazine „Die fliegenden Blätter“.
In 1925 several trips within Germany and Austria.
In 1931 he had his last journey as photographer for the Egyptian viceroy.
1933 in Luxor he met the Italian crown prince Umberto II.
In 1937 he got sick and was not able to work as an artist for wuite a long time.

Memberships: 1924 „Allotria“ (Munich); 1924 association of watercolor painters; „Münchner Künstlergenossenschaft“; „Dachauer Künstlervereinigung“

Illustrations: 1920 „Die lustigen 7“ (texts: Hugo Lindemann)

LITERATURE:  Lange, Bärbel (1994): Tony Binder (1868-1944). Orientmaler – Pleinairist – Reisekünstler [Dachauer Museumsschriften 15], Dachau: Verlagsanstalt Bayerland --- Ebnet, Werner (2016): Sie haben in München gelebt, München: Allitera, p. 97 --- Herfert, Caroline (2018): Orient im Rampenlicht. Die Inszenierung des Anderen in Wien um 1900, Berlin: Neofelis, p. 98 --- Tavernier, Ludwig: Tony Binder, in: „Artists of the World (AOW) / Allgemeines Künstlerlexikon (AKL)“, De Gruyter-Verlag, Onlineversion