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Nietzsches Formel vom ‚Willen zur Macht‘ klingt noch immer beunruhigend. Als eine solche Beunruhigung der Philosophie, ihrer begrifflichen Sprache und ihrer metaphy-sischen Voraussetzungen war sie von ihm zunächst auch angelegt.
Mehr noch: Seit dem Abschluss von Also sprach Zarathustra hatte sich Nietzsche mit zunehmender Dringlichkeit
auf ein philosophisches Hauptwerk verpflichtet, das – unter anderem – den Titel Der Wille zur Macht tragen sollte.
Das angestrebte opus magnum sollte seiner Tendenz konstruktiv und bejahend, dem Inhalt nach eine umfassende, die philosophischen Teildisziplinen wieder zusammenfügende „Umwerthung der Werthe“, der Anlage nach „ein zusammenhängendes Gedankengebäude“ sein. Über Jahre hat er die Pläne zu einem entsprechenden Buch immer wieder durchgreifend verändert, um zuletzt das Buchprojekt in seiner ursprünglich avisierten Dimension als Ganzes aufzugeben. Von einem Scheitern indessen kann hier keine Rede sein, gehen doch die am stärksten aus-gearbeiteten Passagen desselben in revidierter und formal ausgefeilter Gestalt in die Umwertungs-Schriften von 1888 ein.1Dagegen sind sowohl die vermeintliche Lehre
vom ‚Willen zur Macht‘ als auch das Buch mit dem gleichen Titel die Resultate eines in seinen Folgen schwerwiegenden Publikationsmissverständnisses. Vonseiten Elisabeth Förster-Nietzsches und des eigens von ihr gegründeten Archivs ist mit
Der Wille zur Macht aus den unveröffentlichten Notaten Nietzsches ein Buch kompiliert worden, das der Öffentlichkeit zugleich als systematisches Hauptwerk des Philosophen präsentiert wurde. Das in zwei Editionsstufen – die 1. Auflage (1901) versammelte noch 483 Aphorismen, die 2. Auflage (1906) bereits 1067 – aus dem Nachlass erstellte Konstrukt muss als eine gezielte Verschleierung jener komplexen Kontexte, aus denen es ‚gewonnen‘ wurde, angesehen werden.
Auf diese Weise wurde ein von Nietzsche aufgegebenes Werkprojekt zur ultima ratioseiner Philosophie umfrisiert, die Denkfigur des Willens zur Macht selbst auf den affir-mativen Machtwillen im Sinne einer politischen Gebrauchsanweisung zurückgestutzt und sein Denken als Ganzes auf eine politisch reaktionäre Lesart hin finalisiert. Mittler-weile ist das, was hochmanipulativ als ideologisches Vermächtnis Nietzsches angelegt worden ist, als drastische Fälschung entlarvt.
Gleichwohl kursieren die Ausgaben bis heute selbst innerhalb der Forschung. Insbesondere im angloamerikanischen Sprachraum und dort, wo die kritische Edition des Nachlasses noch nicht in Übersetzungen existiert, wird noch immer,
oft bedenkenlos, aus dem Machwerk des Nietzsche-Archivs zitiert. Es wirft noch immer seine Schatten.
Eine folgenreiche Verzeichnung der Formel wurde in der philosophisch zwar durchgreifenden,
zugleich aber enorm einseitigen Deutung Martin Heideggers vorgenommen.
Inhaltliche Schwerpunkte Band 30 (2023):Nietzsche-Werkstatt: Der zweite Teil des Bandes enthält Ergebnisse der
30. Nietzsche-Werkstatt Schulpforta (20.-23. September 2022) zum Thema: „Werte: Nietzsche und die Karriere eines Themas“.Einleitung & Analysen: Rainer Adolphi liefert eine Einleitung zum Thema „Nietzsche und ‚die Werte‘“.
Weitere inhaltliche Schwerpunkte umfassen die Auseinandersetzung mit „Wert und Werte, Schulden und Schuld, Rache und Ressentiment“.Götterdarstellungen: Der Band beinhaltet Studien zu „Götter und ihr Wille zur Macht – Zeus, Dionysos, Apollon“.Rezeption & Nachlass: Analysen zur Rezeption des Nietzsche-Nachlasses, insbesondere zum „Willen zur Macht“.